Alles unter Dach und Fach – Lernen im häuslichen Umfeld

Wie gerne hätten wir als Eltern doch Kinder oder Heranwachsende, die aus der Schule kommen, unsere erwartungsvolle Haltung realisieren und uns detailliert berichten, wie ihr Schulalltag gewesen ist. Es mag diese Kinder geben, ich glaube allerdings, dass sie die Minderheit darstellen. Bei denen, die nicht sofort losprudeln und alles erzählen, können die Gründe sehr unterschiedlich sein. Vielleicht helfen die folgenden Schülerbeispiele, um eine Idee von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit einzelner Kinder zu bekommen.

Eine Geschichte

Luise besucht die zweite Klasse. Sie ist ein sehr waches, intelligentes, aber zurückhaltendes Kind. Ihre Leistungen in der Schule sind sehr gut, das Lernen macht ihr Spaß, Hausaufgaben erledigt sie schnell und zügig. Luise war schon als Kleinkind sehr geräuschempfindlich, sie hat eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und besondere Antennen für zwischenmenschliche Beziehungen. Sie kann Stimmungen von Menschen sehr detailliert wahrnehmen und weiß genau, wer mit wem befreundet ist oder wer sich gestritten hat. Mit Ungerechtigkeiten oder Konflikten unter Mitschülern, aber auch mit den Persönlichkeitsstrukturen von Lehrern beschäftigt sie sich sehr intensiv. Sie nimmt dadurch deutlich mehr wahr, als manche andere Schüler. Wenn Luise nach Hause kommt ist sie randvoll. Die Geräuschkulisse und die vielen zwischenmenschlichen Eindrücke rumoren unsortiert in ihrem Kopf. Sie wirkt gereizt, oft weinerlich und launisch. Sich jetzt an den Küchentisch zu setzen und mit den Geschwistern zu essen, bedeutet für sie wieder neue Eindrücke. Aber Luise brauchte jetzt eine Pause. Gemeinsam mit ihr überlegte die Mutter, was ihr nach der Schule gut tun würde. Das Mittagessen wurde also um 30 Minuten nach hinten verschoben, so dass Luise eine halbe Stunde Zeit hatte, in der sie sich von nun an mit ihren Puppen oder einem Buch zurückzog, oder sich entspannt in die Badewanne legte. Auf der weiterführenden Schule (einer Gesamtschule) hatte sie später eine sehr verständnisvolle Lehrerin, die ihr erlaubte, vorzeitig, nämlich bevor die ganze Klasse zu ihren Schließfächern hinten im Klassenraum rannten, den Klassenraum zu verlassen, um so der hohen Geräuschkulisse und dem Gedränge an den Schließfächern zu entgehen. 

Wenn Tobias aus der Schule kommt, hat er meistens schon einen kleinen Umweg durch sämtliche Pfützen, sämtliche Gräben und Gebüsche hinter sich. Die Mutter hat es aufgegeben, zwischen Schulanziehsachen und Tobe-Sachen zu unterscheiden, denn wenn es zur Pause klingelt muss Tobias raus. Sein Bewegungsdrang ist enorm groß und die saubere, gute Hose ist ihm ziemlich egal. Nach der Schule will er keine Fragen beantworten und sich auch nicht wieder sofort an den nächsten Tisch setzen. Er braucht Bewegung.

Paul ist 15 Jahre und besucht das Gymnasium. Sein Schulalltag ist häufig erst um 14.00 Uhr zu Ende. Bis er dann zu Hause ist, wird es in der Regel 14.30 Uhr. Ausgehungert und voll mit den Eindrücken eines langen Vormittages freut er sich auf das warme Mittagessen. Wenn er nach Hause kommt, ist der Tisch gedeckt und eine erwartungsvolle Mutter setzt sich zu ihm, die es kaum erwarten kann, ihm die eine besondere Frage zu stellen: „Wie war es denn in der Schule?“ Paul reagiert auf das Drängen seiner Mutter mal, indem er die Frage ignoriert oder seine Antworten fallen sehr knapp aus, häufig mit einem genervten Unterton. „Wie immer!“, „Gut“ oder „Wie soll´s schon gewesen sein?“ Dabei ist es gar nicht so, dass er nicht über seinen Schulalltag reden will, auch weiß er, dass seine Mutter ein ehrliches Interesse an ihm hat. Eines Tages platzt es aus ihm heraus und er äußert klar und verständlich seinen Wunsch: „Wenn ich nach Hause komme, möchte ich Ruhe haben, ich will in Ruhe essen und dann den Sportteil in der Tageszeitung lesen. Du kannst mich gerne später fragen, wie es in der Schule war und ich will es dir auch wohl erzählen, aber nicht, wenn ich mittags nach Hause komme.“

Darauf habe ich einfach “keinen Bock!”

Alexander war ein 14-jähriger Jugendlicher, der bei mir eine Lerntherapie machte. Wiederholt erzählte er mir über die nervigen Fragen, die ihm am Mittagstisch über den Schulalltag gestellt wurden. Als ich ihn darauf hinwies, dass ich ihm doch auch Fragen über seinen Schulalltag stelle und er immer sehr bereitwillig erzählt, beschreibt er mir den Unterschied so: “Bei dir ist das anders. Du hörst dir das erstmal nur an und fragst nach. Wenn meine Mutter fragt, sagt sie mir immer gleich, was ich anders machen soll, oder was ich hätte besser machen können. Immer weiß sie alles besser, und wenn mir etwas dummes passiert ist, erzählt sie es gleich jedem. Darauf habe ich einfach keinen Bock!“ 

Ob, wann, wie viel, wie detailliert Kinder aus der Schule berichten oder auch berichten können, hängt von vielen Faktoren und der individuellen Art der Kinder ab. Das letzte Beispiel zeigt, wie wichtig dabei auch unsere Reaktionen als Eltern sind. Wie gut wir zuhören, wie viel Mitgefühl wir zeigen und wie interessiert wir nachfragen ohne es gleich besser zu wissen, Ratschläge zu erteilen usw. Hier bietet sich für uns Eltern oft eine Möglichkeit an, selbst dazuzulernen. Lernen bedeutet für Eltern an dieser Stelle, Situationen richtig einzuschätzen, interessiert und ehrlich zuzuhören, uns manchmal zurückzunehmen, anstatt mit vorschnellen Lösungen daherkommen. Nehmen sie folgende Situation: Ein Mädchen hat sich in der Schule ausgerechnet mit ihrer besten Freundin gestritten. Mit der aber, war sie heute Nachmittag verabredet. Und jetzt setzt so manches Mal bei Müttern ein Automatismus ein! Denn: unserem Kind geht es schlecht und das können wir kaum ertragen. Und Zack, fast ohne nachzudenken, rutschen der Mutter kluge Ratschläge heraus: “Wieso hast du ihr nicht gesagt, dass…?” ,”Wieso bist du nicht zur Lehrerin gegangen?”, “Soll ich mal mit der Mutter sprechen?” Und dann schöpfen Eltern aus einem reichhaltigen Fundus von Lösungsvorschlägen: „Wir könnten doch stattdessen heute Nachmittag…“, oder „Wieso rufst du nicht einfach… an, die wollte doch schon oft mit dir spielen!“ Dabei fallen auch Bewertungen wie “Das ist auch wirklich gemein von ihr!”, “So was trau ich der auch zu!”, “Ich hab dir doch schon zig mal gesagt…“ Eine gelungene Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ist mit die wichtigste Voraussetzung für gelassene und erfolgreiche Lernsituationen.

Übertragen auf Lerninhalte bedeutet dies: Schnell vorgesagte Lösungen, regen nicht zum selbstständigen Denken an. Anstatt die Vorgehensweise bei Aufgaben vorzugeben, macht es mehr Sinn, sich als Eltern im interessierten Fragen zu üben. Trauen Sie Ihren Kindern etwas zu. Bieten Sie ihnen den notwendigen Spielraum, um selbst auf Lösungen zu kommen. 

Kinder wünschen sich Eltern, die zuhören und Interesse zeigen, aber eben ohne die negativen Kommentare. Sie brauchen einen Spielraum, wo sie sich entspannt mitteilen dürfen. Die Zeit nach der Schule ist für viele Kinder nicht der richtige Zeitpunkt. Aber: Auch wenn Sie mir jetzt sagen: “Meiner erzählt aber nie was!”, frage ich Sie: “Sind Sie wirklich sicher?” Ich kenne einen günstigen Zeitpunkt. Ich meine den Moment, wenn Kinder abends mit Ihnen gemütlich auf dem Sofa sitzen und sie beide entspannt sind, keine unerledigten Dinge oder Telefonate, die sie als Eltern ablenken. Oder wenn Sie sich abends nach getaner Arbeit ans Bett Ihrer Kinder setzen. Dann erzählen fast alle Kinder bereitwillig, stellen Fragen und genießen die entspannten Eltern und den entspannten Zustand. 

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