Erfahrungen einer erwachsenen Legasthenikerin – Teil 2

(Anmerkung: Die Rechtschreibung ist im folgenden Text korrigiert worden, ebenso sind Kommata eingesetzt worden, um eine leichtere Lesbarkeit zu ermöglichen. An den Satzkonstruktionen und Formulierungen wurde jedoch nichts verändert) 

Ich habe immer Probleme mit dem Lesen und Schreiben gehabt. Meine Mutter übte mit mir bis zur völligen Ermüdung, was meinerseits sehr häufig mit Kopfschmerzen, tränenden Augen und Heul-Wut-Attacken endete. Die Heul-Wut-Attacken beinhalteten meistens noch Hausarrest, bei denen ich dann noch mehr Zeit hatte, um Lesen und Schreiben üben zu können.

Nach jedem Schuljahr bekam ich ein aufgelistetes Lesebuch meiner Jahrgangsstufe in Geschenkpapier feierlich vor der ganzen Klasse gemeinsam mit einem Klassenkameraden überreicht. Die ganze Klasse schmunzelte natürlich und hatte dementsprechend Kommentare für uns. Es war der reinste Horror für uns.

Wir sind aber nie mit den Büchern bis nach Hause gefahren, sondern trafen uns nach Schulschluss auf einem Spielplatz oder anderen abgelegenen Orten und verbrannten die Bücher mit heftigsten Fluchereien für die Lehrerin und einigen Schülern, dessen Bemerkungen besonders schmerzten.

Ich konnte in der Grundschule das kleine Schreibschrift „h“ nicht, sowie das „k“ ich habe mir dazu immer mein Heft auf den Kopf gedreht und ein „y“ für das „h“ sowie für das „k“ ein großes „E“, welches ich der Zeilengröße anpasste und dann weiter schrieb wie beim „y“, nach dem ich den Buchstaben dann fertig hatte, drehte ich mein Heft wieder zurück und schrieb weiter.

Leider bemerkte das irgendwann einmal mein Lehrer, und von da an kam ich des Öfteren an die Tafel um Buchstaben oder ganze Diktate zu schreiben. Spott und Hohn waren die Folge.

Mit den Jahren lernte ich meine Schwächen gut zu vertuschen. Teils machte ich mich über mich selbst lustig um von meinem Handicap abzulenken oder stellte mich als Dummchen oder Clown da.

Tat so, als sähe ich die Textstellen nicht, die es zu lesen galt, ließ sie mir zeigen und teils anlesen. Wenn die Texte angelesen wurden, hatte ich sie dann ja schon mal gehört und konnte sie dann auch meist fehlerfrei wiedergeben, oder sie wurden von der anderen Person weiter gelesen.

Ich gab an meine Brille vergessen zu haben oder bekundete derartiges Desinteresse an Schreib- und Lesespielen im Bekanntenkreis, dass sie meistens nicht statt fanden.

Es war ein ständiges Versteckspiel in meinem Umfeld.

Die ständige Sorge entdeckt zu werden, nicht richtig Lesen und Schreiben zu können löste teils Panik aus, wenn es darum ging, etwas vorzulesen oder irgendwo Stichpunkte zu machen.

Die Angst verspottet oder gar gemieden zu werden war so groß, die teilweise heftigen Demütigungen führten dazu, dass ich ein Lügengerüst aufbaute um eben nicht als Dummchen (so fühlte ich mich) erkannt zu werden.

Wie ich mich darstellte, hing von meinem Gemütszustand ab und von dem Personenkreis, in dem ich mich befand.

Fühlte ich mich sicher, verlor ich den Druck, dass jemand meine Schwäche erkennen würde.

Die Angst in diesen Momenten verbessert zu werden wich, und ich machte wenig Fehler, die mir, wenn sie da waren auch meist schon selbst auffielen und von mir korrigiert wurden.

Fühlte ich mich unsicher oder unter Beobachtung, das war besonders der Fall, wenn die zu lesenden Textstellen oder geschriebenen Wörter für Dritte sichtbar waren.

Es stieg Unruhe in mir auf, ich wurde innerlich sehr nervös, meine Hände begannen zu schwitzen, mein Herz schlug schneller, in meinem Kopf baute sich Druck auf, der nicht weg konnte. Das Atmen fiel mir schwerer.

Meine Augen wanderten unruhig hin und her, ich überflog den Text, las ohne zu lesen, suchte nach für mich schweren Wörtern, um sie einmal für mich innerlich vorzulesen und ja keinen Patzer zu haben. Der Panikgedanke „Hoffentlich verlese ich mich nicht“, war besonders groß, wenn Lehrer in der Nähe waren oder später Vorgesetzte.

Das Resultat war aber meist so, dass ich während des Lesens nur noch an die für mich schweren Wörter denken konnte, und ich fast den kompletten Text die Luft anhielt.

Bei Absätzen im Text musste ich dann erst einmal wieder Atmen, war aber schon wieder mit den Augen in Windeseile über den noch zu lesenden Text gerast, um eventuelle Lesehürden zu erspähen. Meine Umgebung nahm ich nicht mehr wahr.

Um mich herunterzufahren und meine Unsicherheit und Schwäche zu vertuschen sage ich mir immer wieder: „Du hast es gleich geschafft. Es ist nicht mehr viel. Gleich bist du fertig.“.

Bei jedem für mich schweren Wort, das ich überstanden hatte, wich ein Stück des Druckes.

Hatte ich zu Ende gelesen, war mir schwindelig, ich musste mich irgendwo festhalten oder gar hinsetzen, wenn ich nicht sowieso schon saß.

Um überhaupt lesen zu können, müssen für mich gewisse Rahmenbedingungen erfüllt sein. So spielt für mich die Schriftgröße eine große Rolle, ebenso wie ein Text gegliedert ist. Wie viele Absätze und Leerzeilen kommen darin vor.

Ist der Text für mich übersichtlich und stimmen die Lichtverhältnisse.

Sind alle Bedingungen erfüllt, ist die Chance relativ fehlerfrei durch den Text zu kommen, groß.

Beim Schreiben verhält es sich ähnlich, bin ich für mich allein und kann quasi laut denken, wie ein Wort geschrieben wird, indem ich es mir vorbuchstabiere oder mir Wörter aufschreibe in verschiedenen Variationen, ist die Fehlerquote gering.

Ist die Schreibsituation so, dass mehrere Personen im Raum sind oder das der zu schreibende Text von dritten mitgelesen werden kann oder mir diktiert wird, bin ich so nervös und verunsichert, dass ich mir nicht mehr als 3-4 Wörter merken kann und diese dann meistens falsch schreibe.

Die Angst verspottet oder gar gemieden zu werden ist mittlerweile so groß geworden, dass ich vor allem die Lust am Lesen und teils am Schreiben verloren habe. Ich brauche einfach zu lange, um die Wörter zu entziffern.

Zudem kommt noch, dass längere, für mich schwere Texte, die über eine DIN A4 Seite gehen, mir Schwierigkeiten bereiten, die Konzentration lässt etwa bei der halben Seite nach.

Die Buchstaben fangen zu Beginn an auf der Stelle zu hüpfen und sich zu drehen, die Farben blau und schwarz wechseln sich bei jedem Buchstaben ab. Etwas später fangen die Buchstaben an ihren Platz zu verlassen und tauschen sich untereinander aus. Kurze Zeit später ist die ganze Seite weiß und meine Augen beginnen zu Tränen.

Während meiner dreijährigen Ausbildung zur Erzieherin (zwei Jahre schulisch und einem Berufsanerkennungsjahr) gab es oft Situationen, in denen ich rein schulisch gesehen gut getrickst habe bzw. mir Unterstützung von eingeweihten Personen holte. Dazu jedoch später mehr.

Klassenarbeiten zu schreiben hingegen empfand ich als Demütigung für mich, denn es konnte da der Fachlehrer sehen, dass meine Rechtschreibung und die Zeichensetzung nur selten richtig waren.

Arbeiten, die ich zurück bekam und eigentlich in blau von mir geschrieben und abgegeben worden waren, hatten soviel rot beigemischt oder Randbemerkungen bekommen, dass das Blau geschriebene kaum noch auffiel.

Meist hatte ich dann noch blöde Kommentare darunter stehen wie: 

Sie sollten sich mal mit Kommaregeln beschäftigen. 

Haben Sie schon mal was von Groß- und Kleinschreibung gehört?

Ihre Grammatik lässt zu wünschen übrig.

Wie wäre es, wenn Sie in einer Zeit bleiben würden, Sie springen mehrfach von z.B. der Vergangenheitsform in die Gegenwart.

Die Lehrer haben nicht im Entferntesten daran gedacht, wie ich mich fühlte, wenn sie solche Sätze oder Aussagen mir nahegebracht haben. Ich fühlte mich so oft gedemütigt, bloßgestellt, klein und minderwertig. Aus Scham sagte ich jedoch nichts. Eigentlich war ich doch froh überhaupt etwas auf dem Papier stehen gehabt zu haben, das noch zu lesen war und einen Sinn ergab. 

Nach jeder Arbeit schmerzte meine Hand, denn ich hielt den Stift so verkrampft, dass das Resultat eine Sehnenscheidenentzündung war, spätestens nach der dritten Arbeit. Wenn Arbeiten kamen, lagen sie ja meistens dicht aufeinander, oft drei in einer Woche.

Die Arbeiten waren meist wegen der Fehler und dem unordentlich wirkendem Schriftbild eine Note weiter heruntergesetzt worden. Das wurde dann folgendermaßen im Heft oder vor der Klasse kommentiert: 

Es tut mir leid, ich hätte Ihnen gerne eine z.B. drei gegeben, aber wegen der vielen Fehler und teils unleserlichen Wörter ist es eine vier geworden. Wenn Sie sich mündlich etwas anstrengen, dann können Sie die eigentliche Note ja noch erreichen.

Im Mündlichen habe ich mich nur selten gemeldet, obwohl ich die Antworten wusste. Die Lehrer haben das wiederum nicht verstanden, doch das war für mich ganz simpel. Den Lehrern gegenüber geäußert habe ich das jedoch nie.

Der Unterricht wurde in Stichpunkten festgehalten und derjenige, der eine richtige oder zutreffende Antwort gab, aufgefordert, dieses an die Tafel oder Tageslichtprojektor zu schreiben.

Dieses fiel mir jedoch schwer, keiner sollte doch von meiner Schwäche wissen. Ich hatte aber genau vor dem Aufschreiben Angst und war darum meist im Unterricht stumm oder gab bewusst falsche Antworten um eben nicht schreiben zu müssen. Am liebsten hätte ich die Lehrer in der Luft zerrissen oder verflucht. Meine Noten hätten besser sein können, doch die Angst und die Scham öffentlich falsch zu schreiben hinderte mich daran.

Die große Sorge in der Klasse verspottet zu werden und bloßgestellt zu werden, schreckte ab.

Das Geben falscher Antworten und dummstellen, hatte auch seine Schattenseiten, denn so war man ganz schnell der Außenseiter der Klasse und fand nur schwer Kontakt. Im Gegensatz gemieden und belächelt zu werden wegen Lese-Rechtschreibdingen empfand ich persönlich als schlimmer, so dass ich mich für die Außenseiterrolle entschieden hatte.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits eine Essstörung, was mir aber zu dem Zeitpunkt nicht bewusst war. Rückwirkend betrachtet habe ich die schulischen Demütigungen und Bloßstellungen mit Nahrungsmitteln kompensiert.

Eine Endlosschleife wurde so in Gang gesetzt.

Schilderung einer Alltagssituation

Neulich in der Bank wurde auf mein Bitten hin mir ein Kündigungsschreiben einer Versicherung vorbereitet. Ein Rechtschreibfehler hatte sich dort eingeschlichen, den ich bemerkte, mir aber nicht sicher war, ob es einer war. Ich stutzte daher und dachte leider laut. 

Es entstand folgender Dialog:

Ich: Wird „wie“ mit zwei „w“ geschrieben? Und dann noch ein großes und ein kleines. Wie praktisch! Das sollte es für mehrere Wörter geben.

Die Bankerin fiel mir schnippisch ins Wort.

Bankerin: Ja, das ist ja eine nette Art jemandem zu sagen, dass er einen Fehler gemacht hat.

Ich blickte die Bankerin erstaunt an.

Ich: Ich habe eine Lese- Rechtschreibschwäche und weiß nicht, wie das Wort richtig geschrieben wird. Eigentlich wollte ich es nur denken und nicht aussprechen. Sie bloßstellen wollte ich Sie schon gar nicht.

Der Tonfall änderte sich sofort ins freundliche und wurde sehr sanft. 

Bankerin: Oh, das tut mir leid, das habe ich nicht gewusst. Das Wort „wie“ schreibt man so…

Sie verbesserte den Fehler und zeigte mir die richtige Schreibweise. 

Ich lächelte sie an, bedankte mich und sie lächelte zurück.

Lokalbesuch

Jemand der nicht von einer Leserrechtschreibschwäche betroffen ist, kann sich das folgend Beschriebene vielleicht gar nicht vorstellen, und dennoch gibt es Menschen, denen es in Lokalitäten ähnlich geht wie mir.

Im folgenden Text schildere ich meine Ängste, meine Strategien, wie ich Lokalbesuche plane und wie ich eventuelle für mich peinliche Momente umgehe bzw. löse.

Der Besuch von Restaurants oder anderen Lokalitäten ist für mich oft mich Scheu und teils Ängsten verbunden.

Mit Scheu, wenn ich von dem Lokal weiß, dass die Speisekarte optisch schön für die Gäste gestaltet ist, mit vielen verschnörkelten Buchstaben, einem tollen Schriftbild auf marmoriertem oder farbigen Papierbögen.

Eben sehr einladend für die Gäste.

Meistens esse ich in dem dann immer das gleiche Gericht, zum einen, weil es mit beim letzten Besuch geschmeckt hat, und zum anderen brauche ich mir dann keine Mühe machen, die Wörter auf der Speisekarte erneut zu entschlüsseln.

Ich wähle somit den Weg des geringsten Wiederstandes.

Mit Ängsten sind die Besuche verbunden, wenn ich die Lokalität das erste Mal aufsuche und nicht weiß, wie die Speisekarte optisch gestaltet ist, auf welchem Papier und in welchem Schriftbild sie den Gästen angeboten wird.

Der Grad der Angst und der Scheu hängt auch von meiner Begleitung ab. Sind es gute Freunde oder gute Bekannte, bin ich innerlich nicht so angespannt, als wenn ich mit einer relativ fremden Gruppe oder Einzelperson zum essen gehe.

Die innerliche Anspannung wächst, je näher der Zeitpunkt kommt, wo die Bedienung die Speisekarte zum Tisch bringt.

In dem Moment, in dem mir die Speisekarte vorgelegt wird, beginnt für mich ein innerlicher Spießrutenlauf und enormer Druck baut sich auf, mit der Hoffnung, dass niemand Außenstehendes und damit sind auch meine Begleiter gemeint, etwas von meiner Unsicherheit die Karte eventuell nicht lesen zu können bemerkt.

Niemand es bemerkt, dass meine Augen lesen ohne zu lesen, dass ich nervös in der Karte hin und her blättere, ohne auf die Seiten zu schauen und meine Herz nach meinem Gefühl so heftig klopft, als wolle es aus mir herausspringen.

Ich verschaffe mir einen Überblick und suche Stolperwörter, die ich dann langsam entschlüssele. Ich bin so darauf konzentriert, dass ich kaum noch etwas anderes mehr wahrnehme, als die zu lesenden Buchstaben.

Natürlich weiß ich, dass es besser wäre sich erstmal eine Seite vorzunehmen und dann die anderen, doch irgendwie gelingt es mir nicht.

Oder aber meine Ohren sind bei meinen Begleitern, um aus den Gerichten, die sie laut äußern oder vorlesen auch eines für mich herauszusuchen, um mir das Lesen zu ersparen.

Manchmal gebe ich in die Runde, was ich essen möchte, und jemand meiner Begleiter spricht mich darauf an z.B.: „Du wolltest doch etwas mit Pute essen, dann schau doch mal unter der Nummer 11 nach.“

Da ich mit Nummer keine Probleme habe, finde ich das Gericht recht schnell. Ich kann es mit durchlesen, wenn das Schriftbild nicht zu schwer für mich ist, ansonsten tue ich so, als fände ich die Nummer nicht.

Ich schlage dann oft bewusst eine falsche Seite auf und schon ist aus meinem Begleiterkeis jemand zur Stelle, der mir vorliest oder zeigt wo dieses Gericht steht. Habe ich nun gesehen oder gehört, was zu diesem Gericht gehört, schaue ich es mir unter der Nummer nochmal in Ruhe an und kann es mir ggf. bestellen.

Ist das Essen bestellt worden, werde ich ruhiger, meine innerliche Anspannung löst sich, und ich kann mich wieder auf die am Tisch geführten Gespräche konzentrieren.

Es kam auch schon mal vor, dass ich die Speisekarte auf dem Kopf hatte, dieses jedoch nicht sofort bemerkte und meine erste Reaktion schweißnasse Hände, heftiges Herzrasen und einen hochroter Kopf waren.

Ich war so geschockt, plötzlich nichts lesen zu können, dass ich die Unterhaltung, die ich gerade zu meiner Ablenkung führte, unterbrach und damit die Aufmerksamkeit des ganzen Tisches bei mir hatte.

Was war geschehen, dass es zu so einer heftigen, ja man kann sagen Panikattacke kommen konnte?

Nun es kamen mehrere Faktoren zusammen:

Draußen vor dem Lokal hing die Speisekarte aus, direkt so, dass ich sie nicht übersehen konnte, als ich hinein ging.

Normalerweise vermeide ich es im Vorfeld schon draußen auf die Karte zu schauen, sonst würde ich mich noch nervöser machen, als ich ohnehin schon bin.

Ich sah es auf den ersten Blick, das wird nicht einfach werden heute Abend, denn es war eine recht verschnörkelt geschriebene Speisekarte, von der ich wusste, dass sie für mich schwer zu entziffern ist und dann auch noch auf Sandfarbenem marmoriertem Papier gedruckt.

Das Licht am Tisch war abgedunkelt.

Das Lokal besuchte ich zum ersten Mal.

Die Gruppe mit der ich unterwegs war, hatte sich erst vor kurzem gefunden. Ich fühle mich also nicht sicher innerhalb der Gruppe.

Am Nachbartisch im Lokal saß mir, mehr oder weniger gegenüber, mein alter Deutschlehrer gegenüber, der, als er mich sah, mir wohlwollend zunickte um mich zu grüßen.

In mir tauchten aber sofort, als hätte jemand den Fernseher eingeschaltet, für mich peinliche schulische Situationen mit genau dem Lehrer auf, die nun als Bilder fest in meinem Kopf waren und nicht verschwinden wollten, so sehr ich es mit auch wünschte.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, es drücke mir jemand die Luft ab, und mir fiel das Atmen sehr schwer.

Ich spürte, wie mein Herzschlag sich erhöhte, ich mich innerlich maßregelte und mit mir sehr hart ins Gericht ging, um mich herunterzufahren.

Meine selbst gestrickten Paniksätze kamen in geballter Ladung und kreisten mit ungeheurer Lautstärke, wie Flugzeuge in der Warteschleife, in meinem Kopf.

Ich fühlte mich nicht mehr sicher und schwamm total. Um mich abzulenken, fing ich eine Unterhaltung an. Ich war im Begriff mich gerade langsam wieder zu stabilisieren und dann, genau in diesem Moment meiner Stabilisierungsphase, kommt die Bedienung und gibt mir die Speisekarte.

Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass sich die Erde auftue, um mich zu verschlingen. Aber nein, ich sitze da inmitten dieser Gruppe, schaue wie gebannt auf die Karte, versteinere in meine Gesichtsausdruck, halte die Luft an, bekomme schweißnasse Hände und mein Herz rast wie bei einer wilden Achterbahnfahrt. Mit wird schwindelig. Zum Glück sitze ich bereits, sonst wäre ich jetzt umgefallen.

Erst jetzt bemerke ich, dass ich die Karte verkehrtherum halte, aber ich bin nicht die einzige, die es bemerkt hat. Getuschel und Gelächter am Tisch. Ich beziehe es alles auf mich und meine momentan peinliche Situation. Ich fühle mich als Versager, bloßgestellt und gedemütigt.

Ich überlege nun blitzschnell, wie ich aus dieser Nummer möglichst schadenfrei wieder herauskomme.

Ich entscheide mich für die Spaßversion, ziehe das ganze ins Lächerliche und lockere die Situation somit wieder auf.

„Mein Gott, jetzt sieht man mal, was beim Quatschen rauskommt und dabei heißt es, Frauen können zwei Dinge gleichzeitig.“

Die Gruppe lacht, ich bin gerettet und kann mich langsam wieder runterfahren.

Es wird noch einen Moment darüber gewitzelt, doch das stört mich jetzt nicht mehr, denn ich hatte mich ja für die Spaßversion entschieden und mache mit.

Ich bin erleichtert, es geschafft zu haben, ohne dass jemand der Anwesenden bemerkt hat, in welche Paniksituation ich mich eben wirklich befand.

In einem Lokal wähle ich einen Sitzplatz sehr genau aus.

Für mich käme es nicht in Frage, mich einfach ohne nachzudenken, irgendwo an den Tisch zu setzen. Für mich müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein, damit ich äußerlich ausgeglichen wirke.

In Momenten einer großen Unsicherheit, ist es für mich wichtig die Möglichkeit zu haben, gehen bzw. fliehen zu können.

Das heißt, ich brauche die Sicherheit jederzeit vom Tisch aufstehen zu können, ohne viele Worte zu gebrauchen, denn ich bin in der Situation mit meiner Atmung beschäftigt, und das Sprechen würde mir schwer fallen.

Es kommt für mich also nicht in Frage, mich in eine Ecke zu setzen, in der ich erst Andere bitten müsste aufzustehen und mich vorbeizulassen. Mein Platz ist also stets auf der „offenen Sitzseite“. Ist dies nicht möglich, suche ich mir einen Eckplatz aus, an dem ein rasches Aufstehen möglich ist.

Ich schildere diese Beispiele deshalb sehr ausführlich und hoffentlich auch anschaulich genug, um Personen, die eben nicht von einer LRS betroffen sind, aufzuzeigen, was in einer Person mit einer LRS für Hindernisse und Gefühle bei einem Lokalbesuch auftreten können, in die sich eine nicht LRS-Person nicht hineinversetzen kann, da sie die Problematik, Buchstaben nicht erkennen und somit nicht lesen zu können, nicht kennen.

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