Jutta Gorschlüter: ein Erfahrungsbericht

Dass mein Schicksal nicht gradlinig verlief, war ein Umstand, der mir in jeder Phase meines Lebens immer wieder verdeutlicht wurde. Nicht allein die Tatsache, dass ich nicht bei meinen leiblichen Eltern aufwuchs, machte mir dies deutlich. Nein, auch meine Pflegefamilie war nicht die typisch klassische Form der Familie, wie ich sie um mich herum überall als Kind wahrnahm, aber dies wurde mir erst mit zunehmendem Alter bewusst. Ich wuchs bei zwei Frauen (Schwestern) auf. Im Gegensatz zu heute, wo Kinder Erwachsene durchaus auch nur mit Vornamen ansprechen, waren wir dazu erzogen worden sie als „Tante“ anzusprechen. Ansonsten erlebte ich auch bei meinen Pflegeeltern die klassische Aufteilung der Rollen. Eine war für das Geldverdienen zuständig und die andere kümmerte sich um Haushalt und Kinder. 

Die ersten Jahre meiner Kindheit lebte ich in einer harmonisch geregelten Welt. Sie bot mir Sicherheit und Geborgenheit. Ich wuchs mit drei Pflegebrüdern auf, jeder von uns kam aus einer anderen Herkunftsfamilie. Zwischenzeitlich gab es immer wieder andere Kinder, die zur Kurzzeitpflege übergangsweise für Wochen oder Monate bei uns wohnten. 

Wie gesagt, die ersten Jahre meines Lebens waren glückliche Jahre und es gab nur wenige Momente, in denen sich ankündigte, dass die scheinbar heile Welt, in der ich heranwuchs, Herausforderungen und Prüfungen für mich bereit hielt, dessen Zusammenhänge ich erst nach und nach begriff und die in meinem kindlichen Kopf viele Fragen aufwarfen – und für eine turbulente Verwirrung in meiner Gefühlswelt sorgten. 

Da waren die Besuche meiner leiblichen Mutter. Nicht oft, aber immerhin. Alles, woran ich mich aus den ersten Jahren vage erinnern kann, ist ein diffuses Gefühl verunsichert zu sein, etwas nicht fassen zu können, verbunden mit einer angstvollen Ahnung von etwas Unbegreifbarem. Ebenso wie ich damals noch nicht in der Lage war, in Worten zu denken, so fehlen mir auch heute die Worte, die mein kindliches Empfinden wiedergeben könnten. Aber wenn ich heute alte Aufnahmen aus jener Zeit sehe, die mich mit meiner Mutter zeigen, spiegelt sich in meinen kindlichen Augen mein damaliges Empfinden. Ich war verunsichert, ängstlich und hilflos. 

In der Pflegefamilie, in der ich aufwuchs, herrschten feste Regeln, ebenso wie in vielen anderen Familien, die ich kannte. Für bestimmte Aufgaben im Haus war nur ich zuständig, während andere Tätigkeiten für mich überhaupt nicht in Frage kamen. Schließlich war ich ein Mädchen. Neben dieser ausgesprochen streng katholischen Erziehung gab es für uns immer auch viele Freiräume zum Spielen, die wir als Kinder nutzen konnten. 

Als Kind erschien es mir, als seien die Erwachsenen sehr sicher in dem, was sie taten. Sie wussten anscheinend genau was richtig und was falsch war, was man tun durfte und was nicht und sie sorgten dafür, dass wir genau dies lernten. Dazu gehörte auch das Wissen, was von einem erwartet wurde und wofür man gegebenenfalls bestraft wurde. 

Das war die Welt, wie ich sie als kleines Kind wahrnahm, aber es dauerte nicht lange, bis sich eine leise Ahnung einschlich, dass dieser sorgenfreie Zustand nicht ewig anhalten würde.

Jedes Treffen mit meiner Mutter war für mich ein unumgänglich spürbarer Hinweis, dass mit mir etwas nicht stimmte und nicht alles so verlief, wie ich glaubte, dass es richtig sein müsste. Die Treffen hinterließen ein Gefühl, für das ich kaum Worte finde, eine Mischung aus Angst, Unsicherheit, Enttäuschung und fehlender Nähe. 

Ich war sauer auf mein Schicksal – und ohne dass ich es bemerkte, machte ich meine Mutter zur Schuldigen. Sie war es, sie hätte sich anders verhalten müssen! Hätte sie nur … , dann wäre im Endeffekt „alles gut!“ 

Über meinen Vater erfuhr ich jahrelang nichts, was mich als Jugendliche in eine große Krise stürzte und Fragen aufwarf, warum man mir über ihn nichts erzählte. Meine Fantasie begann zu arbeiten, und schuf Bilder und Erklärungen, die von der Realität weit entfernt waren. Mal stellte ich ihn mir als Held, als Star vor, der sich irgendwann an mich erinnerte und ähnlich wie in dem Film „Mio, mein Mio“ heimlich nach mir suchte, um endlich mit mir zusammenleben zu können. Diese Fantasien gaben mir das Gefühl etwas besonderes zu sein und ließen mich mein Schicksal geduldiger ertragen. In anderen Momenten war ich überzeugt, dass ein schweres Geheimnis meinen Vater umgab. War er ein Verbrecher, hatte er etwas Unrechtes getan, so dass man mich nur schützen wollte vor dieser Wahrheit?

Es scheint so einfach und naheliegend zu sein, einen Schuldigen für mein Schicksal und für meine Geschichte zu suchen. Also zog ich eine weitere Möglichkeit in Betracht. Es musste eine höhere Macht sein, Gott, den ich verantwortlich machen konnte. Auch er war für mich eine unfassbare Größe. Aufgrund meiner streng katholischen Erziehung war ich in meinen Überlegungen immer wieder gespalten. Da gab es auf der einen Seite den angeblich guten Gott, den Vater im Himmel, zu dem ich beten sollte, der mir gleichzeitig als Vaterersatz präsentiert wurde. Man hatte mir als Kind gesagt, dass ich auf die Frage, wer mein Vater sei, sagen sollte, dass ich einen Vater im Himmel hätte, mit Namen „Gott“. In manchen Momenten empfand ich es so, als verbündete er sich mit den Erwachsenen gegen mich und verriet ihnen, was ich getan hatte. Denn wiederholt bekam ich zu hören, dass Gott im Himmel alles sieht und alles weiß. Wurde ich dann beim Lügen erwischt, war es mir, als wäre er es gewesen, der mich verraten hatte. Er, der alles sieht und vor dessen Bestrafung ich mich so sehr fürchtete. 

Zugleich war ich überzeugt, dass er es auch war, der verantwortlich dafür war, dass ich ein Zuhause hatte. Ich zweifelte an ihm, ebenso wie ich an mir und den Menschen, die mich umgaben, zweifelte und nichts konnte dieses Gefühl der Sehnsucht und des Verlassenseins füllen.

Aber besonders in den Zeiten der Pubertät, als ich mich auf die Suche nach meinen Wurzeln und dem Sinn des Lebens machte, begriff ich diese, dass trotz aller häuslichen Konflikte, nicht für mein Schicksal verantwortlich machen konnte. Leider war weit und breit niemand greifbar, dem ich aus meinem damaligen Verständnis heraus einfach die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Was mir blieb, war mich selbst schuldig zu sprechen, ich hatte es wohl nicht anders verdient. Ich gab mir selbst die Schuld an meinem Schicksal. 

Das Schicksal blieb für mich eine nicht greifbare, diffuse Größe, was ich in meinem kindlichen Unvermögen mit der ganzen Welt gleichsetzte. 

Manchmal gab es Zeiten der Ruhe, Zeiten, in denen dieses Gefühl scheinbar verschwunden war, aber immer wieder brachten mir äußere Umstände dies ins Gedächtnis. 

Aus dieser Zeit zurückgeblieben ist das Gefühl der Ohnmacht, all meine Verwirrung, all meine Fragen. Ich fand keine Worte, um meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. 

Es fehlte mir der Wortschatz und ich war sprachlos. Ich hörte mich um, aber nirgendwo entdeckte ich Menschen, denen es ähnlich zu gehen schien und die sich darüber austauschten. War ich die einzige weit und breit, die so dachte und fühlte. Ich kam mir einsam und allein vor mit meiner Sprachlosigkeit. 

Ich kann mich an kaum ein Jahr in meinem bisherigen Leben erinnern, in dem ich mich nicht durch mein Schicksal aufgefordert fühlte, mich mit meiner Herkunft und dem mir zugewiesenen Platz in diesem Leben auseinanderzusetzen. Sicher trifft dies nicht auf alle Pflegekinder gleichermaßen zu, bei mir aber war es so. Schon als Kind stellte ich mir jede Menge Fragen und suchte nach Erklärungen und dem Sinn hinter dem mir eigenen Schicksal. Lange wusste ich nicht, wohin diese ewige Selbstbefragung und Selbstreflexion mich führen würde. Die endgültige Antwort scheint es nicht zu geben, ich nehme nur wahr, dass es ein Weg ist, dem ich nicht ausweichen kann, egal wie oft ich es mir manchmal gerne wünsche.

Wenn ich mir meine jetzige Arbeit anschaue, gibt es eine einfache Erklärung. In dem Moment, da ich begann, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten und meinen beruflichen Weg fand, zog ich eine Gruppe von Kindern sofort magnetisch an. Und das waren die Pflegekinder und Kinder, die nicht in der typisch klassichen Familienform der Kleinfamilie aufwuchsen.

Ich brauchte mich gar nicht darum bemühen. Es geschah wie von selbst. 

Die Erwachsenen wirkten auf mich so sicher, sie schienen die Welt der Worte zu beherrschen. Aus meiner kindlichen Perspektive der Unwissenheit war da so oft ein Ahnen, dass es größere Zusammenhänge gibt, die sich mir noch nicht offenbaren wollten. 

Dieses Ahnen beunruhigte mich schon als Kind und warf mit zunehmendem Alter mehr und mehr Fragen auf. 

Aber selbst wenn ich eine Frage endlich für mich formulieren konnte, traute ich mich meistens nicht sie auch zu stellen. Noch heute spüre ich ein Unbehagen, wenn ich höre, dass ein Kind ernsthaft eine Frage stellt, und Erwachsene darauf mit Lachen, Ironie, Augen verdrehen, abweisenden Erklärungen etc. reagieren.

Mir dreht sich der Magen um, denn in mir steigt eine Erinnerung auf, die unangenehm ist und wehtut.

Der Katalog an Fragen, der sich in mir anhäufte, wurde größer und größer. Auf der anderen Seite wurden natürlich auch mir Fragen gestellt. Wenn es um reine Informationen ging, waren sie leicht zu beantworten. Fragen jedoch, warum ich mich so und nicht anders benommen hatte, Fragen, warum ich dies oder jenes getan hatte, endeten mit einem hilflosen Schweigen auf meiner Seite. Neben der Unfähigkeit mein Verhalten zu erklären, fehlten mir zudem die Worte. Mein Vokabular reichte nicht aus. Die wenigen Male, bei denen ich mich traute, einen Versuch unternahm und meine Unsicherheit überwand, endeten oft noch grauenvoller. Meine Suche nach Worten wurde beurteilt als „Du brauchst dich gar nicht rauszureden!”, “Das sollen wir dir glauben?”, “Du brauchst uns nichts zu erzählen!” und “Hör schon auf!“

So wurde ich wieder auf das Schweigen zurückgeworfen. Für meine Suche nach Worten war kein Raum vorgesehen. Man erwartete von mir eine schnelle sichere Antwort gefüllt mit klaren Worten und Aussagen und genau das beherrschte ich nicht. 

Was sollte ich sagen, warum ich heimlich ferngesehen oder heimlich Geld aus dem Portemonnaie meiner Eltern stibitzt hatte. Weil, weil …??… und ich sehe mich als Kind, hilflos mit den Augen nach einem sicheren Punkt suchend, nicht ausweichen zu können und dann in dieses große Loch des Schweigens zu fallen. Was sollte ich auch sagen? Ich konnte es doch selbst nicht fassen. Heute könnte ich sagen, ja, ich wollte gut vor den anderen dastehen, ich habe von dem Geld Süßigkeiten gekauft und sie in der Schule verschenkt. Da mein Taschengeld kontrolliert wurde, war das Stehlen für mich eine Möglichkeit, die mir das ermöglichte, was ich mir so sehr wünschte: Gesehen zu werden, etwas verschenken zu können und dadurch Anerkennung zu bekommen. Leider stand auf der anderen Seite das dumpfe Gefühl etwas Unrechtes getan zu haben und wieder schlugen zwei Herzen in meiner Brust. 

Dieses ewige Hin und Her zwischen meiner Innenwelt, die nur konfus zu sein schien, keine Sprache besaß und auf der anderen Seite die mir anerzogenen Werte, die ich verstand und akzeptierte, die mir Halt gaben und Orientierung. Der gangbare Weg im Kontakt mit meinem Außen war das Schweigen. Ich schwieg. Ich zahlte einen hohen Preis, denn nicht beantwortete Fragen kamen einem eindeutigen Schuldbekenntnis gleich und verstärkten nur das Gefühl nicht gut zu sein. Und daneben existierte ein Gefühl, dass mich ständig begleitete. Angst. Angst etwas unrechtes zu tun, Angst entdeckt zu werden, die Facetten der Angst waren so vielschichtig und meistens präsent. 

Und was am schlimmsten war: Selbst wenn ich über die passenden Worte verfügt hätte, mit wem sollte ich darüber reden? Ich hörte mich um, aber ich fand niemanden, der über das, was in mir vorging, redete. Ich kam zu dem Schluss, dass es wohl an mir liegen musste. Je älter ich wurde, desto mehr verstärkte sich dieses Gefühl: Es liegt anscheinend an mir. Irgendetwas in meinem Kopf schien anders zu ticken. Denn sonst hätte ich doch andere Menschen darüber sprechen hören müssen. 

Dabei lag mir der Satz der Erwachsenen in den Ohren: Man kann über alles reden! Die Frage aber war: Wie?

Wo ist denn der Raum dafür, wo sind die Worte und wie finde ich die passenden Worte für das, was ich empfinde? Aber mein Gefühl sagte mir, die Aussage stimmte nicht, denn ich beobachtete die Erwachsenen sehr genau und erkannte, dass sie selbst nicht mehr mit jedem sprachen, und dass sie das, was sie von mir erwarteten, selbst oft nicht erfüllten. Anscheinend gab es unterschiedliche Regeln für Erwachsene und für Kinder. Eine leise Skepsis breitete sich in meinem kindlichen Kopf aus und auf der Suche nach Lösungen schärfte ich immer mehr meine stille, schweigende Beobachtungsgabe. 

Meine kindliche Sprachlosigkeit holte mich vor einigen Monaten in einer Beratung wieder ein und wurde mir massiv vor Augen geführt. 

Es wurde mir ein 10-jähriger Junge vorgestellt, der in einer Pflegefamilie aufwuchs und mit der Diagnose Lese-Rechtschreib-Schwäche und auffälligem Verhalten in der Schule bei mir zur Lernberatung vorgestellt wurde. Es begann alles ganz harmlos. Schon bei unserem telefonischen Kontakt fragte ich die Pflegemutter, ob es in der Familie des Jungen Hinweise auf Legasthenie gäbe, ob es Briefe der Eltern gäbe, die Hinweise enthalten könnten. Zu der Beratung brachte die Pflegemutter mir dann einen Brief der leiblichen Mutter des Jungen mit und gab ihn mir zu lesen.

In diesem Brief beschrieb die Mutter, dass sie sich mit dem Vater nicht verstanden hat und deswegen die Familie nicht mehr zusammen lebte. Jetzt hätte sie einen neuen Mann mit dem sie zwei Kinder hat. In freundlichen Worten bat sie ihren Sohn, ihr doch mal zu schreiben oder ein Bild zu schicken. 

Als ich den Brief las, brachen alte Erinnerungen in mir auf. Sowohl die korrekte schöne Schrift der Mutter, als auch die freundlich wirkenden Worte erinnerten mich an einen Brief von meiner leiblichen Mutter, den ich erhalten hatte und der einen sehr ähnlichen Inhalt hatten. Ich spürte wieder das Chaos in meinem Kopf und die unendliche Sprachlosigkeit und Verwirrung, die ich als Kind empfunden hatte. 

Zwei Tage nach der Beratung rief ich die Mutter an und berichtete ihr, was beim Lesen des Briefes bei mir passiert war. Ich versuchte Worte zu finden für das wortlose Chaos, das ich damals als Kind empfand. 

Ich finde kaum Worte für das, was in mir vorging. Da stehen nur freundliche Worte, die mir sagen, dass es eine Familie gibt, die gut zu funktionieren scheint, aber mein Gefühl sagt mir, ich müsste eigentlich ein Teil dieser Familie sein. Warum war ich es nicht? Warum tat es so weh, diese Zeilen zu lesen. Es waren doch nur freundliche Worte. Noch heute fällt es mir schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen, Worte zu finden für das Unfassbare. Ich fühlte mich allein, ich fühlte mich verlassen und ausgeschlossen. Ich kam mir selbst fremd vor mit meinen Empfindungen, ich fühlte mich vom Leben und allen betrogen. Äußerlich reagierte ich kaum, ich hatte den Brief gelesen und legte ihn zur Seite. Innerlich aber entstand ein Wirbelsturm, den ich kaum ertrug. Und wieder tauchten Fragen über Fragen auf: Warum? Warum war das passiert? Stimmte etwas mit mir nicht? 

Wenn ich heute mit Kindern und Eltern zusammenarbeite, kann ich oftmals an den Augen der Kinder ablesen, dass sie die Antworten oder die Erklärungen der Erwachsenen nicht verstanden haben. Und wieder begegnet mir dieses Schweigen. 

Ich glaube, dass viele Kinder solche Momente der Sprachlosigkeit erleben. Betroffen sind nicht nur die Kinder, die traumatisierte Geschichten haben, sondern viele Kinder in vielen ganz alltäglichen Situationen. 

Dabei handelt es sich nicht einmal um schwerwiegende Themen, sondern selbst in Beratungsstunden, wo es z.B. um Wege beim Rechnen geht, stelle ich dieses Phänomen fest. 

Eine häufig sich wiederholende Situation in meiner Praxis mit rechenschwachen Kindern verdeutlicht dies. Rechenschwache Kinder zählen bei einer Aufgabe 6 + 7 in der Regel die Sieben einzeln hinzu. Dabei benutzen die einen ihre Finger, während andere im Kopf hoch zählen. Ich frage die Kinder, ob sie wüssten, wie ihre Eltern das rechnen. Entweder kommt ein Kopfschütteln oder ein klares „Nein“. Der Dialog setzt sich fort, indem ich die Kinder bitte, die anwesenden Eltern zu fragen, wie sie diese Aufgabe rechnen. Und jetzt kommt die Erklärung der Eltern, ich rechne zuerst bis zur 10, und dann nehme ich die restlichen drei noch dazu und das sind dann 13. Manche fügen noch hinzu, dass sie dies aber schon mehrfach erklärt haben. 

An dieser Stelle sollte man annehmen, dass die Kinder sich äußern und sagen: “Das habe ich nicht verstanden.” Die meisten Kinder jedoch nicken nur brav und sagen: “Ach so.”

Dann entsteht ein Schweigen! Und in diesem Moment können Sie an den Augen des Kindes ablesen, ob es verstanden hat oder nicht. Ich frage in der Regel die Kinder dann in einem ruhigen, mitfühlenden Ton: “Hast du wirklich verstanden, wie deine Mama das rechnet?”

Und die mit Abstand häufigste Antwort ist: “Nein.”

Wie oft erklären Eltern in wohlgeformten Worten Sachverhalte oder verkünden eine Entscheidung und wie selbstverständlich erwarten wir am Ende auf die Frage: “Hast du das verstanden?” ein braves „Ja“. 

Was würde aber bei einem „Nein“ passieren? Na ja, kennen sie dieses ungeduldige Gefühl, wenn sie einem Kind etwas erklären wollen, es aber nicht begreift. Kennen sie vorwurfsvolle Sätze wie: “Du hörst mir auch gar nicht zu!”, “Wie oft soll ich dir das noch erklären?”, “Das kann doch nicht wahr sein!”, “Das musst du doch begreifen!”, usw. Oft ist leider einer dieser Sätze die Alternative für das Kind.

Wissen Sie, ich habe mich in solchen Momenten lieber für das brave „Ja“ entschieden.

Um brav zu sein, habe ich gelernt zu schweigen. Dabei fand ich es besonders demütigend, wenn über mich als Kind und Heranwachsende, in meiner Anwesenheit schlecht geredet wurde. Was ich angeblich falsch gemacht hatte, dass man mir etwas schon tausendmal gesagt hatte, ich es aber immer noch nicht begriffen oder getan hatte. Ich fühlte mich bloß gestellt und traute mich nicht mit Worten zu wehren. In meiner Praxis erlebe ich oft solche Moment. Eltern beginnen, sicher aus einer großen Besorgnis heraus, zu erzählen, was sie schon alles unternommen haben, um dem Kind etwas Bestimmtes beizubringen. Einmal auf diesem Kurs legen manche Eltern regelrecht los, um ihr Bemühen vor mir zu demonstrieren. 

Ich bin heute mutig genug, an diesen Stellen den Redefluss der Eltern zu unterbrechen. Ich wende mich direkt an das Kind und frage es: “Wie ist das für dich, wenn deine Mama so über dich redet?” Sie glauben nicht, wie oft ich gesehen habe, dass anstatt Worten nur noch Tränen hochsteigen. 

Und dann sind da noch die Fragen, die zu stellen ich mich traute, auf die ich aber ausweichende Antworten erhielt.

“Dafür bist du zu klein.” oder “Das ist eben so!”

Als Kind kam ich gar nicht auf die Idee, dass sich hinter dieser Antwort Hilflosigkeit, Unsicherheit, Sorge, Angst verstecken könnte. Nein, denn darüber sprach man ja nicht. Ich kannte nicht einmal alle diese Worte. 

Aber die Fragen waren da, die Gedanken, einmal gedacht, existierten weiter und ließen sich nicht wieder auslöschen.

Manche dieser Fragen waren sehr existenziell für mich:

Warum lebe ich nicht bei meiner Mutter?

Warum sagt man mir nicht, wer mein Vater war?

Warum soll ich meiner Mutter Briefe schreiben und ihr etwas von mir erzählen, wo ich doch auch nichts über sie weiß?

Warum lebe ich nicht in einer richtigen Familie? 

Die Fragen mögen unabhängig von der Geschichte unterschiedlich ausfallen, gemeinsam ist vielen Kindern das Gefühl, unbefriedigende Antworten zu bekommen. Und die zunehmende Ahnung, dass in den Erklärungen wesentliche Teile fehlen und das scheinbar erklärbare doch nicht fassbar ist. 

Da wird Kindern erklärt, dass man sich nicht streiten soll. Aber Papa und Mama streiten sich ständig. Mama redet mit der Oma nicht mehr. Papa mit seinem Bruder nicht mehr oder, oder, oder… Da wird Kindern erklärt, dass Papa und Mama sich trennen, weil sie sich nicht mehr lieb haben. Aber euch, dass versichern beide, werden wir immer lieben. 

Funktioniert die Liebe so? Kann man sich dann auf die Liebe verlassen? Warum verschwindet das Gefühl von Liebe bei einigen Menschen und bei anderen nicht?

Wir geben uns viel Mühe, den Kindern zu vermitteln, dass man Brücken bauen soll, um wieder in Frieden miteinander zu leben. Nach einem Streit soll man sich wieder vertragen. Warum aber vertragen Mama und Papa sich nicht wieder? Warum reden sie nicht miteinander, wo man doch über alles reden kann. Und warum redet Mama mit ihrer ehemals besten Freundin nicht mehr? Warum besuchen wir sie nicht mehr? Warum darf ich nicht lügen, aber wenn Oma anruft, soll ich sagen, dass Papa nicht da ist, obwohl er doch da ist? Warum soll ich ehrlich sein, aber Erwachsene freuen sich sogar, wenn sie an der Kasse irrtümlicherweise zuviel Wechselgeld zurückerhalten? Warum, warum, warum …

Die schlichtesten Erwachsenenantworten auf solche Frage würden lauten: “Das ist was ganz anderes.”, “Dafür bist du noch zu klein.”, “Das verstehst du nicht.”, “Das erklär ich dir später mal.”, “Das kann man nicht vergleichen.” 

Eine Antwort

  1. Wow. Wundervoll geschrieben. Ich, ebenfalls Lerntherapeutin, stand quasi auf der “anderen” Seite. Ältestes von sechs Kindern, darunter drei Dauerpflegekinder. Auch mich hat das sehr geprägt, auch ich habe heute dadurch einen anderen, “tieferen” Blick auf meine Schüler.
    Danke für den Artikel, er hat mich sehr berührt!

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